08.12.2020 Opinions

Dro­gen­be­richt: Stra­te­gie ist geschei­tert

Analyse


Drogenbericht: Weniger Inhalt, viele bunte Bilder

„Der Bericht enthält 30 Fotos der Drogenbeauftragten. Er dient offenbar in erster Linie der Selbstdarstellung von Frau Ludwig.“ So harsch fiel das Urteil des FDP-Drogenexperten Wieland Schinnenburg über den neuen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung aus. Verantwortlich: Daniela Ludwig (CSU), seit 13 Monaten Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Damit nicht genug, wetterte der Liberale weiter: „Dieser Drogen- und Suchtbericht ist einfach nur peinlich!“ Er sei ein Armutszeugnis für die Bundesregierung und liefere im Vergleich zum Vorjahr kaum belastbare Daten geschweige denn stimmige Konzepte.

Dabei hatte Ludwig bereits bei der Präsentation des Reports eingeräumt, sie wolle für das kommende Jahr auf mehr Prävention und mehr Hilfen beim Rauchausstieg setzen. „Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko, gerade in dieser Zeit“, so Ludwig, die gleichzeitig einräumte, dass die „Einstiegszahlen“ in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen seien und so wenige Jugendliche wie noch nie rauchten. Ludwig sieht nach eigenem Bekunden in E-Zigaretten eine Gefahr für Kinder und Heranwachsende, berücksichtigt aber nicht das Potenzial, das die Produkte als Substitute für Rauchaussteiger mit sich bringen. Sachliche Kritik an dem neuen Bericht ließ daher nicht lange auf sich warten.

„Es ist Zeit für eine vollkommen neue nationale Tabak- und Nikotinstrategie, die am etablierten Ansatz der Schadensminimierung ausgerichtet ist“, stellte etwa Jan Mücke fest, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE). Er forderte einen Paradigmenwechsel in der Politik. Dem mündigen Verbraucher müsse durch ein vielfältiges Produktangebot die Möglichkeit zu einem weniger schädlichen Nikotinkonsum eröffnet werden. Schließlich biete die Branche ausstiegswilligen Rauchern mit E-Zigaretten, Tabakerhitzern und tabakfreien Nikotinbeuteln ein vielfältiges Angebot potenziell risikoreduzierter Produkte an.

 

E-Zigarette als Alternative

Das sieht Prof. Dr. Heino Stöver, Leiter des Instituts für Suchtforschung und Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences, ähnlich: Zwar trete die Drogenbeauftragte zu Recht für eine viel größere Rolle des Prinzips der Schadensminderung ein. Aber: Sie halte beim Thema Rauchen die Substitution durch E-Zigaretten weiterhin nicht für einen entscheidenden Punkt. Damit, so Stöver, verkenne Ludwig die wissenschaftliche Faktenlage.

Deutlich schärfer im Ton kritisiert der Branchenverband VdeH die Aussagen Ludwigs zur E-Zigarette: „Für die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist es ein Armutszeugnis, dass wissenschaftliche Fakten – wie die geringere Schädlichkeit von E-Zigaretten im Vergleich zu Tabakzigaretten – weiterhin ignoriert werden. Während in anderen Bereichen die Substitution als wichtiges Mittel zur Harm Reduction anerkannt wird, wird die Rolle der E-Zigarette als weniger schädliche Alternative zur Tabakzigarette konsequent ignoriert“, wettert der VdeH-Vorsitzende Michal Dobrajc.

Auch Dr. Thomas Nahde, Leiter des Bereiches Scientific Affairs & Scientific Engagement bei Reemtsma, bewertet den Ansatz, jegliche Form der Nikotinaufnahme einfach nur durch strenge Regulierungsmaßnahmen zu beschränken, als wenig hilfreich für Raucher: „Der Versuch, erwachsene Raucherinnen und Raucher einfach mit Verboten von der Zigarette wegzubringen, funktioniert gerade bei denjenigen Rauchern, die (noch) nicht aufhören können oder wollen, in der Regel ebenso wenig wie der Ansatz ‚Quit or Die!‘. Viel sinnvoller ist es aus meiner Sicht, dieser Zielgruppe echte Alternativen anzubieten, die für sie und andere weniger schädlich sind als Tabakzigaretten: Diese Alternativen nämlich setzen sie deutlich weniger Schadstoffen in weitaus geringeren Konzentrationen aus. Wünschenswert wäre daher auch mehr Aufklärung durch die Politik – statt immer mehr Verbote zu erteilen, könnte man noch viel stärker auf Einsicht und Selbstverantwortung setzen.“

 

Jugendschutz funktioniert

Und noch ein Aspekt des Drogenberichts bringt Kritiker zum Nachdenken: Der Effekt von E-Zigaretten als Einstiegsdroge bei Jugendlichen sei größer, als bislang angenommen, heißt es dort. Jugendliche experimentierten häufiger mit konventionellen Zigaretten, wenn sie zuvor E-Zigaretten konsumiert hätten. Doch nur wenige Zeilen weiter verweist der Report auf diese Zahlen: „Der Anteil rauchender Jugendlicher befindet sich auf einem historischen Tiefstand. Nur noch 5,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen gaben zuletzt an, zu rauchen. Der Anteil der Jugendlichen, der noch nie geraucht hat, steigt stetig und liegt mit 85,1 Prozent so hoch wie nie zuvor. Der Anteil rauchender 18- bis 25-jähriger Erwachsener markiert mit 21,2 Prozent einen Tiefststand.“ So erfreulich diese Zahlen sind – mit einem angeblichen Gateway-Effekt, also dem Einstieg ins spätere Rauchen durch das Dampfen, passen sie nicht zusammen.