23.11.2017 Facts

Track and Tra­ce für Ta­bak: Gut ge­meint – am Ziel vor­bei

Ges­tern Abend fiel in Brüs­sel die Ent­schei­dung über die tech­ni­schen De­tails zur Ein­füh­rung ei­nes eu­ro­pa­wei­ten Ta­bak­kon­troll­sys­tems fal­len, im Fach­jar­gon Track and Tra­ce oder auch „Tracking und Tra­c­in­g“ ge­nannt. Ziel der EU-Ge­set­zes­in­itia­ti­ve ist es, den Ta­bak­schmug­gel zu be­kämp­fen. Da­für soll ab Mai 2019 der Weg je­der ein­zel­nen Zi­ga­ret­ten­schach­tel in­ner­halb der EU lü­cken­los nach­voll­zieh­bar sein. Doch die Mas­se an zu­sätz­li­cher Bü­ro­kra­tie und tech­ni­schen An­for­de­run­gen für eu­ro­päi­sche Her­stel­ler und Händ­ler könn­te den Schmug­gel aus Nicht-EU-Län­dern eher be­för­dern.

440 Mil­lio­nen Eu­ro – die­sen gi­gan­ti­schen Um­satz büß­te die Ta­bak­in­dus­trie im Jahr 2016 durch den Schmug­gel von Zi­ga­ret­ten ein. Schmuggel und Produktpiraterie sind gefährlich: Es be­ste­hen hö­he­re Pro­duk­t­ri­si­ken, zum Bei­spiel durch die Ver­un­rei­ni­gung von Ta­bak­wa­ren. Al­lein Deutsch­land geht durch die il­le­ga­len Zi­ga­ret­ten jähr­lich rund ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro an Steu­er­gel­dern ver­lo­ren. Zu­dem ver­ur­sacht der Schmug­gel auch noch Re­pu­ta­ti­ons- und Mar­ken­scha­den, der den Ta­bak­her­stel­lern durch Pla­gia­te ent­steht. Ne­ben wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen geht es im Kampf ge­gen den il­le­ga­len Han­del auch um Mar­ken­schutz.  Kein Wunder also, dass Hersteller wie Reemtsma bei der Bekämpfung des Schmuggels an der Seite des Gesetzgebers stehen. Hier kommt Track and Tra­ce ins Spiel.

Gu­tes Ver­kom­pli­zie­ren: Track and Tra­ce soll’s rich­ten

Auf brei­te Zu­stim­mung stie­ßen da­her 2014 die Plä­ne der EU-Kom­mis­si­on zur Ein­däm­mung des Ta­bak­schmug­gels, fest­ge­schrie­ben in der Richt­li­nie der Kom­mis­si­on zur Re­gu­lie­rung von Ta­bak­erzeug­nis­sen (EUT­PD).
Die Lö­sung soll nun „Track and Tra­ce“, auch Tracking und Tra­c­ing ge­nannt, brin­gen, ein Sys­tem zur Über­wa­chung al­ler Pro­duk­ti­ons­stät­ten und Han­dels­stu­fen – von der Zi­ga­ret­ten­ma­schi­ne bis zum Ki­osk.

Ist das neu? Ta­bak­pro­duk­te sind doch heu­te be­reits „track-bar“?

Die Idee, Schmug­gel durch Tracking zu be­kämp­fen, ist nicht neu und be­reits heu­te ge­leb­te Rea­li­tät.
Das ernst­haf­te Be­kennt­nis zu ef­fek­ti­ver Be­kämp­fung des Schmug­gels zeigt sich in der kon­ti­nu­ier­li­chen und en­gen Zu­sam­men­ar­beit mit dem Zoll-Kri­mi­nal­amt. Zu­sätz­lich gel­ten An­ti-Schmug­gel-Ver­trä­ge mit der EU. Die Un­ter­zeich­nung des OLAF-Agree­ments im Jahr 2010 ver­deut­licht, dass die­ses In­ter­es­se sei­tens Reemts­ma schon be­stand, als die Idee des neu­en EU-„Track & Tra­ce“-Pro­gramms noch nicht ge­bo­ren war.

Wer stellt die il­le­ga­le Wa­re her?

Fast im­mer ist die Ant­wort: nicht die Ta­bak­in­dus­trie. Die Ta­bak­in­dus­trie ist laut Eu­ro­päi­schem Amt für Be­trugs­be­kämp­fung (OLAF) le­dig­lich bei 2,5 % der be­schlag­nahm­ten Zi­ga­ret­ten auch de­ren Pro­du­zent. Bei der Be­kämp­fung der ver­blei­ben­den 97,5 % grei­fen die in­ner­eu­ro­päi­schen Sys­te­me schlicht­weg nicht.

Was sind die nächs­ten Schrit­te bei Track and Tra­ce?

• Am 29.11. hat der Ta­bak­pro­dukt­aus­schuss, ein Gre­mi­um aus Ver­tre­tern der Mit­glieds­staa­ten, den Durch­füh­rungs­rechts­akt zur Ein­füh­rung von Track & Tra­ce be­schlos­sen.

• Nun bleibt den Her­stel­lern und Händ­lern ein Jahr Zeit, ih­re Pro­duk­ti­on ent­spre­chend um­zu­stel­len und ein Sys­tem zur lü­cken­lo­sen Kon­trol­le der Han­dels­we­ge ein­zu­füh­ren. Für die Her­stel­ler be­deu­tet das: Mil­lio­nen­kos­ten für ei­ne Um­stel­lung und Um­rüs­tung in ei­nem en­gen Zeit­fens­ter. Auch auf die Ta­bak­händ­ler kom­men er­heb­li­che Bü­ro­kra­tie­kos­ten und In­ves­ti­tio­nen zu.

Wann sind die neu­en Vor­schrif­ten dann ver­bind­lich?

• Stich­tag für das In­kraft­tre­ten al­ler Vor­schrif­ten ist der 19. Mai 2019.

Wel­che Kri­tik­punk­te gibt es von­sei­ten des Han­dels und der Her­stel­ler?

Die fi­na­len De­tails der EU sind kom­pli­ziert und um­fang­reich, dass in Deutsch­land Stim­men laut wer­den, die zum ei­nen das Um­set­zungs­da­tum ge­fähr­det se­hen, aber auch – worst ca­se – mit ei­ner Zu­nah­me der Schmug­gel-Ak­ti­vi­tä­ten aus dem au­ßer­eu­ro­päi­schen Aus­land rech­nen.

Die vier wich­tigs­ten Grün­de:

1. Schmug­gel ist ein au­ßer­eu­ro­päi­sches Brand­the­ma – dort an­set­zen!

Ein deut­li­cher Groß­teil der il­le­ga­len Zi­ga­ret­ten wird in der Ukrai­ne oder Weiß­russ­land, al­so dem au­ßer­eu­ro­päi­schen Aus­land, pro­du­ziert und über die Gren­ze in die EU ge­schmug­gelt. Die­se Zi­ga­ret­ten wer­den durch das eu­ro­päi­sche „Track & Tra­ce“-Sys­tem erst gar nicht er­fasst.

2. Im deut­schen Groß- und Ein­zel­han­del wird nicht ge­schmug­gelt – er wird aber künf­tig so be­han­delt

Der im­men­se Auf­wand des Sys­tems ver­hin­dert ei­ne lü­cken­lo­se und ter­min­ge­rech­te Im­ple­men­tie­rung und Ver­wirk­li­chung von „Track & Tra­ce“.
Be­vor die Zi­ga­ret­ten­schach­tel pro­du­ziert wer­den darf, muss der Her­stel­ler bei dem Dienst­leis­ter, der die Codes aus­gibt, ei­nen Code für die Schach­tel be­an­tra­gen. Der Her­stel­ler muss al­so weit vor der ei­gent­li­chen Pro­duk­ti­on an­ge­ben, auf wel­cher Ma­schi­ne die Zi­ga­ret­te pro­du­ziert und an wel­chen Kun­den sie schluss­end­lich ver­kauft wird.
Das ist in et­wa so, als wenn der Bä­cker mor­gens wis­sen soll­te, wel­chem Kun­den er heu­te wel­ches Bröt­chen oder Stück Ku­chen ver­kau­fen wird. Glas­ku­gel Ein­zel­han­del!
Bei Kon­sum­gü­tern, den so­ge­nann­ten „Fast Mo­ving Con­su­mer Good­s“ – wie Kau­gum­mis, Zahn­bürs­te oder eben Zi­ga­ret­ten –, ist es na­he­zu un­mög­lich, im Vor­feld den Ver­kaufs­ort zu be­stim­men.
Üb­ri­gens: in Sa­chen Kon­sum­gü­ter – die be­reits heu­te exis­tie­ren­de Rückverfolgbarkeit von Zigaretten ist umfangreicher als die von Eiern.

3. Code-Cha­os II: Ex­port­ge­fähr­dung und Ar­beits­platz­ri­si­ken

Track and Tra­ce sieht auch vor, dass auch , dass auch für den Ex­port be­stimm­te Zi­ga­ret­ten mit ei­nem Code ver­se­hen wer­den müs­sen. Gleich­zei­tig se­hen die Ge­set­ze von Ex­port­län­dern wie Aus­tra­li­en vor, dass ne­ben dem lan­des­üb­li­chen Steu­erstem­pel kei­ne wei­te­ren Codes oder Mar­kie­run­gen an der Zi­ga­ret­ten­schach­tel an­ge­bracht wer­den dür­fen. Es herrscht „Code-Cha­os“ bei den Her­stel­lern, die sich an Recht und Ge­setz in al­len Län­dern hal­ten wol­len.
Denkt man das zu En­de, wä­ren Pro­duk­ti­ons­auf­trä­ge für den Ex­port plötz­lich il­le­gal und das Werk in Deutsch­land kann nicht für bei­spiels­wei­se Aus­tra­li­en pro­du­zie­ren. We­ni­ger Auf­trä­ge, we­ni­ger Ar­beits­plät­ze. Das Reemts­ma-Werk in Lan­gen­ha­gen wür­den die­se Ent­schei­dun­gen eis­kalt tref­fen – von dort aus wird in über 90 Län­der der Welt ex­por­tiert.

4. Stei­gen­de Prei­se ma­chen Schmug­gel­wa­re at­trak­ti­ver

Die ho­hen kon­ti­nu­ier­li­chen Kos­ten des Sys­tems wer­den am En­de die Ver­brau­cher tra­gen müs­sen und Schmug­gel­zi­ga­ret­ten wer­den preis­lich noch at­trak­ti­ver. Die Preis-Sche­re zwi­schen le­gal pro­du­zier­tem und ge­han­del­tem Ta­bak­pro­dukt und Schmug­gel­wa­re geht wei­ter aus­ein­an­der. Ein Teu­fels­kreis.

Fa­zit: Der gi­gan­ti­sche Pro­zess­auf­wand so­wie un­kla­re und im­prak­ti­ka­ble Vor­schrif­ten ma­chen ei­ne lü­cken­lo­se Kon­trol­le der Ta­bak­wa­re prak­tisch un­mög­lich. Die ho­hen Kos­ten für die Um­set­zung des neu­en Sys­tems set­zen zu­dem wei­te­re An­rei­ze für die Ver­brau­cher, sich il­le­gal Ta­bak­pro­duk­te aus Nicht-EU-Staa­ten zu be­schaf­fen.

 

Up­date: Der Text vom 23.11.17 wur­de am 30.11.2017 ak­tua­li­siert.