27.11.2017 Opi­ni­ons

Ge­sun­de Mehr­wert­steu­er – für dum­me Ver­brau­cher

Nun soll al­so die Ge­sun­de Mehr­wert­steu­er im Nanny-Staat als Mit­tel der Wahl in der Er­näh­rungs­be­ra­tung her­hal­ten, wenn es nach den Ide­en der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft geht. Da­zu sug­ge­rie­ren sie uns mit dem Be­griff „Ge­sun­de Mehr­wert­steu­er“ schon die Sinn­haf­tig­keit ih­rer Ab­sich­ten. Für „ge­sun­d“ sind wir doch al­le. Da­bei: Steu­er aufs Es­sen ist ge­nau so ge­sund wie Steu­er auf Ben­zin und Die­sel. Ei­ne Steu­er ist ei­ne Steu­er ist ei­ne Steu­er. Ge­sun­de Mehr­wert­steu­er ist als Be­griff nichts an­de­res, als ei­ne net­te For­mu­lie­rung – und der Ver­such der Len­kung über po­si­ti­ve As­so­zia­tio­nen.

Geht es nach den In­itia­to­ren, soll der Staat künf­tig de­fi­nie­ren, wel­che Le­bens­mit­tel für sei­ne Bür­ger „gut“ und wel­che „schlech­t“ sind. Da­bei macht er sich nicht die Mü­he, sei­ne Bür­ger zu in­for­mie­ren und auf­zu­klä­ren, son­dern geht den doch recht plum­pen Weg, sie über die Be­steue­rung zu len­ken. Den­ken aus – Staat ein. Brau­se rauf im Preis, Spi­nat run­ter.

Wie ist das ei­gent­lich für die Be­völ­ke­rungs­grup­pen ge­re­gelt, bei de­nen Es­sen auch re­li­giö­se Vor­aus­set­zun­gen er­fül­len muss? Was ist „ha­l­al“, was ist „ko­scher“? Re­gelt das der Staat? Nein. Son­dern die In­dus­trie und die Kon­su­men­ten selbst, die ge­lernt ha­ben, be­stimm­te Re­geln bei Zu­be­rei­tung und Ver­zehr von Le­bens­mit­teln zu be­fol­gen. Das nennt man Ver­brau­cher-Kom­pe­tenz – Er­näh­rungs­kom­pe­tenz.

Der Su­per­markt als künf­ti­ge Ge­samt­quen­gel­zo­ne

Die Men­schen mö­gen es halt ger­ne in klar de­fi­nier­ten Schub­la­den. Um es pla­ka­tiv zu ma­chen: Äp­fel oh­ne MwSt., Din­kel­brot (Ach­tung: Koh­le­hy­dra­te) mit 7 Pro­zent be­steu­ert und Chips, Flips und Mäu­se­speck zu 19 Pro­zent. Straf­zah­lungs-Span­ne zwi­schen „gut“ und „bö­se“: 0-19 Pro­zent.

Neh­men wir bei­spiels­wei­se „Reis“. Wie wird Reis wohl künf­tig im Ver­gleich zu Mar­sh­mal­lows be­steu­ert? Na­tür­lich ge­rin­ger! Si­cher? Von we­gen. Wei­ßer Reis er­höht das Dia­be­tes-Ri­si­ko. Mit Nu­deln und Weiß­brot sieht es auch nicht viel bes­ser aus. Trau­rig. In der Tat! Denn De­pres­sio­nen sind Be­gleit­krank­heit von Dia­be­tes. Heißt dies im nächs­ten Schritt: 19 % für den Reis und die Nu­deln? Dann doch aber auch 25 % auf Bur­ger, Pom­mes und Co.

Ein­fa­cher wä­re es na­tür­lich, wenn Ver­brau­cher von selbst wis­sen wür­den, was gut und was schlecht für sie ist

Und wenn sie ab und zu auch schlem­men dürf­ten, oh­ne dass der Staat dann den Zei­ge­fin­ger he­ben und das schlech­te Ge­wis­sen stän­di­ger Be­glei­ter wer­den wür­de.

Üb­ri­gens: Es gibt so­gar Stu­di­en, die be­sa­gen, dass das schlech­te Ge­wis­sen dick macht. Wer mit Ge­nuss und oh­ne Reue die Weih­nachts­plätz­chen ver­drückt, statt be­sorgt auf die an­geb­lich knei­fen­de Jeans zu schau­en, hat im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ein bes­se­res Bauch­ge­fühl.

Oder geht es am En­de dar­um, Ver­brau­cher auf ei­ne Art und Wei­se zu re­gle­men­tie­ren, dass nie­mand mehr über sein Ess­ver­hal­ten nach­denkt? Mot­to: Der Staat wird es schon für mich rich­ten? Und da wun­dern wir uns, wenn Men­schen im­mer we­ni­ger be­reit sind, Ei­gen­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men?

Ist „Leip­zi­ger Al­ler­lei“ üb­ri­gens künf­tig ein­fach zu ver­steu­ern oder müs­sen wir Möh­ren, Mor­cheln, Spar­gel, Mais und Erb­sen nicht bes­ser an­tei­lig aus­ein­an­der­rech­nen? Erb­sen­zäh­len – ein schö­nes, deut­sches Wort.

Wel­che Rol­le spielt das Haus­halts­ein­kom­men in die­ser Dis­kus­si­on?

Der Bund für Le­bens­mit­tel­recht und Le­bens­mit­tel­kun­de (BLL) lässt ver­laut­ba­ren, dass dies ei­ne Be­vor­mun­dung vor al­lem so­zi­al be­nach­tei­lig­ter Men­schen sei, die sich nicht mehr die kom­plet­te Le­bens­mit­tel­viel­falt leis­ten könn­ten. Bei den Kin­der­ge­burts­ta­gen gibt es dann für die ei­nen Äp­fel und bei den an­de­ren Ge­burts­tags­ku­chen mit Schlag­sah­ne und Gum­mi­bär­chen-De­ko­ra­ti­on. Am Abend rös­ten die ei­nen ih­re Mar­sh­mal­lows auf klei­nen Stö­cken über dem Feu­er, wäh­rend die an­de­ren noch et­was Ru­ko­la kau­en. Über­zo­gen? Kei­nes­wegs, denn man muss sich die Idee et­was ge­nau­er an­schau­en – und bis zum En­de den­ken, da­mit wir hin­ter­her nicht al­le bö­se über­rascht wer­den.

Da­her hier ge­fragt: Wä­re es nicht sinn­vol­ler, ei­ne ge­sun­de und aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung zu er­mög­li­chen, oh­ne staat­li­che Be­vor­mun­dung? Wä­re es nicht das Bes­te, Er­näh­rungs­kom­pe­tenz zu för­dern?

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