14.09.2018 Stories

2048: Wie frei leben wir in einer Welt von mor­gen?

Montagmorgen, 6:30 Uhr, der Wecker klingelt. Gleichzeitig erfüllt ein angenehmer Duft Milos Schlafzimmer: Sobald es Zeit ist, aufzustehen, kocht die in den Wecker integrierte Kaffeemaschine automatisch einen starken Espresso Doppio, genau so, wie Milo es mag und der Maschine am Vorabend über Sprachsteuerung aufgegeben hat. Draußen ist es noch stockdunkel, doch die OLED-Leuchten simulieren in der Wohnung frühes Tageslicht. Etwas zu ungemütlich für Milo, er hätte es gern ein wenig wärmer, aber der Handel bietet nur noch diese Leuchtmittel an, LED und Energiesparlampen wurden vom Markt genommen. Um die Umwelt zu schonen, hieß es. Milo hätte das lieber für sich selbst entschieden.

Der implantierte Tracking-Chip wertet die Gesundheitsbilanz aus

Noch leicht verschlafen greift Milo nach dem Schokomüsli, eine rote Warnlampe blinkt auf. „Ja, ja, ich weiß“, denkt Milo, als er die einfarbige braune Pappschachtel aus dem Schrank nimmt. Früher konnte man von außen noch sehen, was die Packungen enthielten, da waren hübsch angerichtete Frühstücks-Bowls mit Müsli, leckeren Schokostückchen und Obst abgebildet. Immerhin leuchtet die Kühlschranklampe jetzt grün, als Milo den Apfel herausnimmt und ihn in sein Müsli schneidet. Der Apfel muss sein: Der implantierte Tracking-Chip an Milos Oberarm hat über Nacht seine Gesundheitsbilanz von gestern ausgewertet – und die sieht nicht gut aus. Zu viel Zucker, zu wenige Vitamine.

Auf dem Weg zum Fahrrad in der Tiefgarage fällt Milos sehnsüchtiger Blick auf den alten Benziner, den er von seinem Großvater geerbt hat. Leider kam er nie in den Genuss, eine Runde mit dem Auto zu drehen, denn diese Fahrzeuge sind schon seit Jahren verboten. Elektroautos sind die einzigen Gefährte, die auf den Straßen erlaubt sind. Mist, wo ist denn schon wieder der Fahrradhelm. Milo ist ein Nostalgiker, er fährt gerne mit seinem alten Fahrrad in sein persönliches Working-Hub, doch ohne Helm wird es teuer: Neben den Verkehr regelnden Polizei-Robotern, die an jeder Kreuzung für freien Fluss der selbstfahrenden Elektrofahrzeuge sorgen, wachen staatliche Ordnungshüter über die Regelkonformität im öffentlichen Raum. Das Tragen eines Fahrradhelmes gehört so selbstverständlich dazu wie das Gehen nur auf dem rechten Bürgersteig. Diese Regel hat die Regierung vor Jahren eingeführt, um Kollisionen unter den Fußgängern zu vermeiden. Immerhin: Für die alten Fahrräder gibt es noch ausgediente Radwege, die Milo gerne für seinen Weg zu Arbeit nutzt.

Persönliche Kollegen gibt es nicht mehr, alles wird digital geregelt

Er stellt sein Rad in der Garage des Working-Hubs ab. Entgegen dem Trend, von zu Hause aus zu arbeiten, hat sich Milo eines der freischwebenden Büros in der City gemietet. Er mag die alte Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten. Persönliche Kollegen hat er jedoch keine, alles wird digital und über Spracheingaben geregelt, sein Vorgesetzter ist ein Roboter. Milos Smartwatch signalisiert ihm, dass sein bester Freund Leo gegenüber am Rande des Parks eine Zigarette raucht. Allerdings nicht auf einer Parkbank, denn die Parkbänke in der gesamten Stadt wurden im vergangenen Jahr abgebaut. Jugendliche haben sich immer wieder mit Graffitis darauf verewigt, sehr zum Ärgernis der Stadtverwaltung, die keine andere Lösung sah, als die Bänke eben komplett wegzunehmen. Egal, denn Leo dürfte dort eh nicht rauchen. Stattdessen steht er in einem verdunkelten schwarzen Glaskasten, einer von wenigen Smoke-Cabins, die noch in der Öffentlichkeit zu finden sind. Nur hier darf geraucht und gedampft werden – nicht in Restaurants, nicht in Parks, nicht im Auto, nicht in den eigenen vier Wänden. Milo gesellt sich dazu und holt seine E-Zigarette aus der Tasche. Sie besprechen, was bei ihnen heute so anliegt und gehen nach einigen Zügen rüber zum Hub, jeder in sein eigenes, kleines Büro.

Direkt mit der Arbeit starten kann Milo nicht. Zunächst muss er zahlreiche Passwörter in seinen Smart-Screen eingeben und diverse Sicherheitsfragen beantworten. Erst dann geht das System sicher davon aus, dass Milo der richtige User ist und einverstanden ist mit der kommenden Arbeitssession. Und auch hier wird überwacht, welche Internetseiten er aufruft, wann er Pausen einlegt, wie viel Arbeitspensum er am Ende des Tages geschafft hat. Entsprechen die Ergebnisse am Ende des Monats nicht den zuvor festgelegten Vereinbarungen, überweist der Zahlungsroboter entsprechend weniger Punkte auf Milos Konto. Geld wurde abgeschafft und durch ein virtuelles Punktesystem ersetzt.

Echtes Fleisch gibt es schon lange nicht mehr

Mittagspause. Milo steht auf, streckt sich und fährt mit den anderen Co-Workern aus dem Hub im Aufzug in den 85. Stock, in dem sich die Kantine befindet. Er muss auf die Tafel schauen, was es zu Essen gibt, riechen tut man nichts. Die Lüftungsanlage des Hauses eliminiert jeglichen Essensduft, damit sich niemand gestört fühlt, der vielleicht einen anderen Geschmack hat. Heute gibt es Quinoa-Schnitzel oder Rinderbraten. Milo entscheidet sich für den Braten, der schon lange nicht mehr vom echten Rind kommt. Das künstliche Fleisch wird in Bioreaktoren gezüchtet. Es besteht aus Zellkulturen von Kühen, die vor Jahrzehnten gelebt haben. Echtes Fleisch gibt es seit geraumer Zeit nicht mehr. Milo stört das nicht, er hat keine Erinnerung an den Geschmack von rosa gebratenem Rumpsteak oder saftigem Schweinebraten.

Da heute Abend ein romantisches Dinner mit seiner Freundin ansteht, verlässt Milo das Büro etwas früher, um noch im Supermarkt an der Ecke einzukaufen. Er gehört zu den wenigen Menschen, denen das noch Freude bereitet. Fast alle seine Freunde lassen sich das Essen nach Hause bringen. Ihre intelligenten Kühl- und Vorratsschränke senden automatische Bestellungen an die Lieferanten, wenn etwas leer ist. Hier kommt der Nostalgiker in Milo durch. Neulich hat er bei seiner Mutter auf dem Dachboden alte Zeitschriften entdeckt, in denen Fotos von Supermärkten abgebildet waren. Milo war sehr erstaunt, wie bunt und abwechslungsreich damals die Regale bestückt waren. Farbenfrohe Verpackungen mit lachenden Menschen drauf, Weinflaschen mit kreativ gestalteten Schriftzügen und überhaupt: eine Vielfalt an Süßigkeiten, von der die Kinder im Jahre 2048 nur träumen können. Heute sind die Packungen in den Regalen weitestgehend braun, weiß und grau, auf den Süßwaren prangen große Warnhinweise und Münder mit kaputten Zähnen.

Im Supermarkt werden automatisch die Kalorien der Einkäufe gezählt

Am Eingang des Supermarktes schnappt sich Milo den Self-Scanner und sein Smartphone. Dieses leitet ihn auf dem kürzesten Weg durch den Supermarkt zu den Waren, die er bereits gestern in den digitalen Warenkorb gelegt hat. „Insgesamt 1867 Kalorien“, steht am Ende der Liste in orangefarbener Schrift. Die Farbe signalisiert Milo, dass das Gericht, das er kochen will, gerade noch im gesundheitsmäßig akzeptablen Bereich liegt. Wäre er über 2000 Kalorien gekommen, hätte er umdisponieren müssen. Das Gesundheitsministerium hat dieses System entwickelt, um die Verbraucher vor Fettleibigkeit zu schützen.

Zu Hause angekommen, stellt Milo seine Einkäufe auf die Küchenablage. Staubsaugen und -wischen muss er zum Glück nicht, das hat sein Haushaltsbot bereits erledigt, während er bei der Arbeit war. Da kommt der Roboter auch schon angefahren und beginnt, die Tüten auszuräumen, die Lebensmittel zu verstauen und das Essen zuzubereiten. Total verrückt: Neulich hat ihm jemand erzählt, dass die Menschen früher Fleisch und Gemüse teilweise in Butter angebraten haben, für den guten Geschmack. Das Ministerium für Ernährung und Wellbeing hat Butter drastisch rationiert, sie ist so gut wie gar nicht mehr zu bekommen. „Zu viel Cholesterin“, lautete die Begründung. Die Menschen braten sowieso nichts mehr in Pfannen an. Zu groß die Angst, dadurch zu erkranken. So gut wie alles wird schonend in entsprechenden Garmaschinen zubereitet, die die Regierung kostenlos jedem Haushalt zugeteilt hat und mit denen die Haushaltsbots leicht umgehen können.

Es klingelt, schnell noch die Kerze auf den Tisch gestellt. Mist, das Leuchtmittel ist kaputt. Echte Kerzen mit einem Docht sind verboten – das Risiko eines Wohnungsbrandes haben die Behörden als zu hoch eingestuft. Milo öffnet die Tür und lässt seine Freundin herein. Über ihren Mundschutz wundert er sich nicht, es gehört zum Alltagsbild dazu, dass Menschen, sobald sie ein leichtes Kratzen im Hals verspüren oder eine verstopfte Nase haben, einen Schutz tragen. Um die Allgemeinheit zu schützen, heißt es in der entsprechenden Verordnung.

Guten Appetit und einen schönen Abend.

 

Epilog

Inwieweit das Leben und der Alltag von Milo und seinen Freunden in dreißig Jahren tatsächlich Realität sein wird, hängt maßgeblich von den Entscheidungen ab, welche die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft bis dahin treffen. Natürlich auch von technischen Errungenschaften und Weiterentwicklungen wie künstlicher Intelligenz und Innovationen in der Automobilbranche. Manches ist heute schon Realität: Der Wunsch nach übergroßen Warnhinweisen ist bei Verbraucherschützern durchaus vorhanden, die „Lebensmittelampel“ kommt regelmäßig auf den Tisch der politischen Diskussion um „richtige“ Ernährungsfragen, und die gute alte Glühbirne hat bereits ausgedient. Tschüs, Wahlfreiheit. Kritiker der Restriktionen sehen darin ein Bestreben der Politik, aus dem informierten einen fremdbestimmten Verbraucher zu machen. Warnhinweise allerorten bevormunden den Konsumenten mehr, als dass sie ihn aufklären. Aber das sollte man den Menschen in der heutigen Zeit durchaus zutrauen: dass sie in der Lage sind, sich selbstständig ein Bild der Lage zu verschaffen, um sich dann aus dem vielfältigen Angebot, dass das LEBEN für sie bereithält, die für sie passenden Teile herauszupicken und für den individuellen Lebensstil zusammenzusetzen.

 

Natürlich immer nur soweit, dass niemand zu Schaden kommt. Rücksichtnahme und Respekt anderen gegenüber sollten so selbstverständlich sein wie das Blinken beim Abbiegen. Und sicher schadet auch Aufklärung seitens derer, die meinen, es besser zu wissen, nicht. Aber bitte immer mit Blick auf den gesunden Menschenverstand, ohne erhobenen Zeigefinger und mit einer großen Portion Vertrauen in die Menschen.