10.11.2020 Opinions

Das Ende des Prag­ma­tis­mus

Bundeskanzler Schmidt (SPD) vertrat seine Überzeugungen auch gegen den Mainstream. Ein Kommentar zum 5. Todestag von Deutschlands bekanntestem Raucher.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt war ein Pragmatiker, der für seine Überzeugungen eintrat – moralisch bedacht und lösungsorientiert. Am 10. November jährt sich sein Todestag zum fünften Mal.

Über Helmut Schmidt, den früheren Bundeskanzler und knorrigen SPD-Politiker, kursiert eine schöne Anekdote: Sein Staatssekretär Manfred Schüler soll dem Hamburger einst dringend empfohlen haben, doch von Mentholzigaretten auf Schnupftabak umzusteigen. Der Erfolg dieses Ratschlags war mäßig, denn Schmidt rauchte unverdrossen weiter und griff fortan – wo er nicht rauchen durfte – zum Schnupftabak.

Anekdote oder Legende – auf jeden Fall sagt die kleine Erzählung viel über den Menschen Helmut Schmidt, über seinen Umgang mit Überzeugungen und seinen Pragmatismus in der Politik und im Leben insgesamt. Der einstige Regierungschef, der bis ins hohe Alter als Herausgeber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ tätig war, nahm sowohl die großen Herausforderungen seiner Kanzlerschaft – vor allem den Terror der späten 70er-Jahre – als auch die alltäglichen Probleme mit Augenmaß und Vernunft in Angriff.

Geradliniger Querdenker

Es mag klingen, als passe es nicht recht zusammen, trifft es aber: Schmidt war ein geradliniger Querdenker (bevor dieser Begriff in den vergangenen Monaten in Verruf geriet). Lösungen standen für ihn im Fokus. Rainer Pörtner von der Stuttgarter Zeitung formulierte das so: „Rationale Abwägung statt Gesinnung: Das war Schmidts Credo.“ Dabei unterwarf Schmidt jedes Handeln einer strengen Prüfung seines moralischen Kanons, seine Verantwortung nahm er ernst. Zugleich verbarg er seine Sorge für die ihm anvertrauten Menschen meist hinter einem schnörkellosen und direkten, oft ruppig scheinenden Auftreten – umso mehr, wenn er seine Überzeugungen gegen den politischen Gegner und – häufig genug – auch gegen den politischen Freund verteidigen musste.

Für Schmidt war Politik die beste Möglichkeit, seine Überzeugungen durchzusetzen, nachdrücklich, wenn er es für notwendig hielt, still und überlegt, wenn es der Sache diente.

Veränderte Spielregeln

In dieser Rolle war Schmidt staatsmännisch und für viele Politiker ein Vorbild. Doch längst haben sich die Spielregeln in der Politik verändert. Schnelle und teils verletzende verbale Angriffe über soziale Medien, eine zunehmend komplexe Welt, machiavellistische Machtkämpfe auf allen politischen Ebenen sorgen dafür, dass selbst führende Entscheidungsträger viel stärker abwägen, sich weniger klar positionieren und sich opportunistisch verhalten. Nicht wenige Volksvertreter treten ihr Amt voller Begeisterung und mit dem Glauben an Gestaltungsoptionen an – und müssen bald ernüchtert feststellen, dass sie den berüchtigten Sach- und Fraktionszwängen unterworfen sind.

Das ist in meinen Augen eine unglückliche Situation, die zu verpassten Chancen führt. Ich möchte das an einem Beispiel aus meiner Branche deutlich machen: Sowohl E-Zigarette als auch die neuen Nikotin-Pouches sind nach übereinstimmender Meinung zahlreicher Wissenschaftler ein gut geeignetes Mittel für den Ausstieg aus dem Rauchen klassischer Tabakzigaretten. Doch ein Diskurs in und mit der Politik bleibt aus. Mit dem Thema „harm reduction“, also den deutlich weniger schädlichen Alternativen zur Zigarette, möchte niemand in Verbindung gebracht werden – allzu hoch ist die Gefahr, als Tabakfreund diffamiert zu werden.

Vertane Chance

Dass die Volksvertreter damit eine Chance verschenken, einen erheblichen Beitrag zur Volksgesundheit einzuleiten, spielt für sie keine wesentliche Rolle. Und womöglich erkennen sie sie auch nicht. Immerhin: Natürlich gibt es unter den Politikern Ausnahmen, die sich eben doch im Schmidtschen Sinne pragmatisch zeigen – auch im Umgang mit dem Rauchen und seinen Alternativen.

Helmut Schmidt übrigens berichtete einmal aus seiner Zeit in den 60er-Jahren, als er – damals als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion – häufig Zechen im Ruhrpott besuchte, um mit den Bergleuten zu sprechen. In den Schächten habe er wegen der Explosionsgefahr nicht rauchen dürfen. Also habe er zum Schnupftabak gegriffen. Auch im Kleinen war Schmidt ein Verfechter schneller und an der Situation ausgerichteter Lösungen.

Heute vor fünf Jahren, am 10. November 2015, ist Helmut Schmidt gestorben. Er fehlt – in diesen Zeiten, finde ich, vielleicht mehr denn je.

 

Julian Stürcken
@stuercken