04.10.2021 Facts

E‑Zigarette: Renom­mier­te Wis­sen­schaft­ler legen Wider­spruch ein

Sie werden seit Jahren von deutschen Medien dankbar aufgenommen – Studien zur so genannten „Gateway-Hypothese“ von E-Zigaretten, nach der Jugendliche durch das Dampfen zu Tabakrauchern würden. Überschriften wie „E-Zigaretten verführen Jugendliche zum Tabakrauchen“, oder „Süße Aromen verführen Jugendliche zum Dampfen“ versetzen vor allem Eltern immer wieder in helle Aufregung. Unbeachtet bleiben dagegen in der Regel jene wissenschaftlichen Untersuchungen, die von positiven Effekten für erwachsene Raucher*innen berichten. Dabei sind diese nicht weniger zahlreich.4,5

Jetzt hat es einer Gruppe namhafter Wissenschaftler*innen aus den USA und aus Großbritannien offenbar gereicht. Unter der Überschrift „Balancing Consideration of the Risks and Benefits of E-Cigarettes” („Abwägung der Risiken und Vorteile von E-Zigaretten“) fordern 15 international renommierte Forscherinnen und Forscher einen nüchterneren Umgang mit dem Dampfen. Ihre Begründung: Der Konsum von E-Zigaretten könne Rauchstopp-Versuche erfolgreicher machen; sie hätten das Potenzial, die durch das Rauchen verursachte Sterblichkeit bei Erwachsenen zu verringern. Daher müssten Gesundheitsbehörden und Mediziner, Medien und politische Entscheidungsträger Vorteile und Bedenken, insbesondere mit Blick auf mögliche Risiken für Jugendliche, sorgfältiger abwägen.

15 hochkarätige Autoren

Ein bemerkenswerter Vorgang, denn die 15 Autor*innen sind allesamt ehemalige Präsidenten der „Society for Research on Nicotine and Tobacco“ (SRNT) sowie Professoren von Elite-Universitäten wie Stanford und Harvard.

Die Autor*innen der Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung SRNT waren federführend bei dem Essay. Die SRNT, die mittlerweile über 1.000 Mitglieder hat, gilt unter anderem als eines der wichtigsten Beratergremien beim Zustandekommen des „Family Smoking Prevention and Tobacco Control Act“ des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama.

In der neuen Veröffentlichung betonen die Autor*innen durchaus deutlich, dass auch der Gebrauch von E-Zigaretten nicht risikofrei sei. Im Vergleich zum Rauchen klassischer Tabakzigaretten jedoch sei die gesundheitliche Belastung deutlich geringer. Das müsse auch die Politik in ihrer Gesetzgebung berücksichtigen, heißt es. Studien hätten zum Beispiel ergeben, dass regulative Eingriffe, die das Dampfen einschränken sollten, negative Folgen gehabt hätten: So habe ein Heraufsetzen der Dampfer-Steuer in Minnesota zu einem Anstieg des Konsums von Tabakzigaretten geführt. Schätzungen zufolge könnte eine einheitliche Besteuerung zahlreiche Raucher*innen dazu bringen, mit dem Tabakrauchen aufzuhören.

Vorurteile widerlegt

Außerdem gehen die Wissenschaftler*innen auf die gängigsten Vorurteile über das Dampfen – vor allem junger Menschen – ein und widerlegen sie anhand von bereits durchgeführten Untersuchungen. Insbesondere geht es dabei um diese Thesen:

  • Jugendliche, die nie zuvor geraucht hätten, könnten über das Nutzen von E-Zigaretten an das Tabakrauchen herangeführt werden („Gateway-Hypothese“).
  • Nikotin könne die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen und das Verdampfen von Nikotin könne andere gesundheitliche Probleme nach sich ziehen.
  • Dampfen könne gerade bei jungen Menschen, die nie zuvor geraucht hätten, eine Nikotinsucht verursachen.

Insgesamt sei es aus Sicht der Autor*innen ein Fehler, die möglichen Risiken für junge Menschen bei der Beurteilung von E-Zigaretten so stark in den Mittelpunkt zu rücken und dabei die offensichtlichen und wissenschaftlich belegten Vorteile für erwachsene Raucher*innen weitestgehend zu ignorieren. Vielmehr müssten beide Aspekte bei einer Beurteilung von E-Zigaretten evidenzbasiert gegeneinander abgewogen und auch bei einer Regulierung entsprechend berücksichtigt werden.

Die Autoren wägen vorliegende Studienergebnisse ab und kommen zu dem Schluss: Der Nutzen einer ausgewogenen Politik zum Thema E-Zigarette sei ungleich größer als jede mögliche Beeinflussung Jugendlicher. „Beweise zeigen, dass Dampfen bei der Raucherentwöhnung eindeutig hilft. Dieser positive Einfluss könnte aber viel größer sein, wenn die für die öffentliche Gesundheit Verantwortlichen dieses Potenzial ernsthaft ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken würden. Raucher könnten so genauere Informationen zu den relativen Risiken des Dampfens und Rauchens erhalten, die Politik könnte hilfreiche und zielgerichtete Regeln erlassen. Das passiert nicht.“

E-Zigaretten mit viel Potenzial

Außerdem nehmen sich die Autor*innen diverse Behauptungen zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Gebrauchs von E-Zigaretten vor („Ein Großteil der Öffentlichkeit – einschließlich der meisten Raucher – hält den Gebrauch von E-Zigaretten inzwischen für gefährlich.“). Alle häufig bei der Abwertung von E-Zigaretten vorgebrachten Argumente können den Autor*innen zufolge mit Studien widerlegt werden. Daher die Feststellung: „Wir glauben, dass das Dampfen der öffentlichen Gesundheit zugutekommen kann, da es zahlreiche Belege gibt, die zeigen, dass der Konsum von E-Zigaretten das Potenzial besitzt, die negativen gesundheitlichen Konsequenzen des Rauchens zu reduzieren.“

In ihrem Fazit halten die Autor*innen fest, sie teilten zwar die berechtigten Bedenken hinsichtlich des Dampfens von Jugendlichen, wollten diese Bedenken bei der Beurteilung von E-Zigaretten jedoch relativieren. Der Nutzen der E-Zigarette überwiege die Risiken bei weitem.