08.05.2018 Stories

Kein Feu­er mehr bei den Wikin­gern.

Bei dem Gedan­ken an Skan­di­na­vi­en kom­men einem als ers­tes idyl­li­sche Land­schaf­ten in den Sinn. Mit roten Block­hüt­ten, Island-Ponys und fröh­li­chen, blon­den Men­schen, die vor ihrer Sau­na sit­zen und Wod­ka trin­ken. Doch eini­ge neue Ent­wick­lun­gen schei­nen zu die­sem Bild gar nicht zu pas­sen. Was pas­siert da? So streng kön­nen die dort sein?
Fakt ist: Finn­land möch­te als ers­tes rauch­frei­es Land in die Geschich­te ein­ge­hen.

Neben einem bereits bestehen­den Rauch­ver­bot an öffent­li­chen Plät­zen, das auch für E-Ziga­ret­ten und Inha­la­to­ren gilt, sol­len Läden künf­tig eine Lizenz erwer­ben müs­sen, um Tabak­wa­ren ver­kau­fen zu kön­nen. Auch ein Ver­bot des Kon­sums in Miet­woh­nun­gen und sogar auf den zuge­hö­ri­gen Bal­ko­nen soll in die Hand des Ver­mie­ters gelegt wer­den, um nur eini­ge Bei­spie­le zu nen­nen.

Grund genug für REE:THINK, einmal genauer auf die Nachbarn im Norden zu blicken:

In den nor­di­schen Län­dern – Finn­land gehört ja streng genom­men nicht zu Skan­di­na­vi­en – wer­den alle The­men rund um Gesund­heit stark vom Staat beein­flusst und regle­men­tiert. Das gilt z. B. auch für Alko­hol, wie jeder Urlau­ber sicher­lich schon ein­mal an den Prei­sen und der ein­ge­schränk­ten Ver­füg­bar­keit fest­stel­len konn­te. Inter­es­san­ter­wei­se reagie­ren die Bür­ger in den Län­dern Nor­we­gen, Schwe­den, Finn­land auf Nach­rich­ten die­ser Art ganz anders als bei­spiels­wei­se in Deutsch­land: Wenn der Staat etwas für rich­tig hält, dann ist das für die Nach­barn im Nor­den auch maß­geb­lich. Das wird dann so akzep­tiert, anstatt für die eige­nen Rech­te oder die eige­ne Ent­schei­dungs­frei­heit zu kämp­fen. Der Nan­ny Sta­te ist will­kom­men.

Aber es ist nicht so, dass Rau­cher schräg ange­se­hen wer­den. Rau­cher sind gesell­schaft­lich nach wie vor völ­lig akzep­tiert. Dem­ge­gen­über ste­hen die stren­gen Regu­la­ri­en und Bemü­hun­gen des Staa­tes und der – wie erwähnt – inter­es­san­ter­wei­se rela­tiv schwa­che Pro­test gegen die­se stren­gen Regu­la­ri­en.

Es gibt natür­lich deut­li­che Unter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Län­dern. In Finn­land oder Nor­we­gen, sagt man, fin­det wenig Debat­te statt, die Men­schen sind hier grund­sätz­lich eher ein­ver­stan­den mit den Din­gen, die die Poli­tik für sie ent­schei­det. Der Schwe­de an sich sei da schon eher dis­ku­tier­freu­dig, eben­so wie die Dänen, auch „Ita­lie­ner des Nor­dens“ genannt. Das ist schlicht und ein­fach wohl eine Men­ta­li­täts­sa­che.

Das spie­gelt sich auch wider in den gesund­heit­li­chen Zie­len des Staa­tes: Finn­land strebt bis zum Jah­re 2030 an, kom­plett niko­tin­frei zu wer­den – das schließt nicht nur Ziga­ret­ten ein, son­dern auch das Ver­bot von tabak­frei­en Pro­duk­ten wie E-Ziga­ret­ten. Nor­we­gen hin­ge­gen soll bis 2050 tabak­frei wer­den – da wären E-Ziga­ret­ten dann noch gestat­tet. Und Schwe­den sieht das ein Stück locke­rer und ver­folgt die Stra­te­gie, zumin­dest rauch­frei zu wer­den, dafür kön­nen dann alter­na­ti­ve Tabak­pro­duk­te, wie Snus, wei­ter kon­su­miert wer­den.

Snus – die skandinavische Antwort auf die Frage nach Alternativen

Natür­lich schau­en sich auch die Kon­su­men­ten in den skan­di­na­vi­schen Län­dern nach Alter­na­ti­ven um, wie in vie­len ande­ren euro­päi­schen Län­dern gibt es dort einen Trend zu E-Ziga­ret­ten. Aber ein ganz ande­res Pro­dukt ist der wah­re Schla­ger, zumin­dest in Schwe­den und Nor­we­gen: Snus.

  • Snus ist ein soge­nann­ter Oralta­bak und hat in Skan­di­na­vi­en eine lan­ge Tra­di­ti­on.
  • Die ältes­te Snus­sor­te gibt es bereits seit 1822.
  • Snus ist in Nor­we­gen und Schwe­den zuge­las­sen, in allen ande­ren Län­dern jedoch nicht.
  • Das Pro­dukt ist in den besag­ten Län­dern belieb­ter als her­kömm­li­che Tabak­pro­duk­te. Das liegt auch dar­an, dass Snus nicht inha­liert wird und dies dem skan­di­na­vi­schen Kon­su­men­ten als Alter­na­ti­ve zu klas­si­schen Rauch­wa­ren gefällt.

Tat­säch­lich sind z. B. in Schwe­den alter­na­ti­ve Pro­duk­te wie Snus gesell­schaft­lich bes­ser akzep­tiert als klas­si­sches Rau­chen, da sie bei den Kon­su­men­ten als weni­ger gesund­heit­lich belas­tend gel­ten.

Snus – konstruktive Auseinandersetzung erwünscht. Mythen ade!

Im Zusam­men­hang mit Snus geis­tern gele­gent­lich Begrif­fe wie „Trend­dro­ge“ oder „Mode­dro­ge“ durch die deut­sche Medi­en­land­schaft. Das kommt daher, dass eini­ge Leis­tungs­sport­ler, auch nam­haf­te Fuß­ball­spie­ler aus den Pro­fi­li­gen, gewollt oder unge­wollt mit dem Kon­sum von Snus in Ver­bin­dung gebracht wer­den.

Fakt ist, dass das bereits seit dem 19. Jahr­hun­dert belieb­te Pro­dukt zu einem dras­ti­schen Rück­gang der Rau­cher­quo­te in Schwe­den geführt hat, näm­lich auf nur 5 Pro­zent.

Logisch, dass immer mehr Kon­su­men­ten, die auf der Suche nach risi­ko­är­me­ren Alter­na­ti­ven zur klas­si­schen Fil­ter­zi­ga­ret­te sind, Gefal­len an Snus fin­den. Umso erstaun­li­cher, dass außer­halb Nor­we­gens und Schwe­dens der Han­del mit Snus nach wie vor nicht erlaubt ist, wie jüngst von der EU in Brüs­sel bestä­tigt wur­de.

Reden ist Gold – die Chance liegt im Dialog

Bei den „erzie­he­ri­schen Maß­nah­men“ beschränkt man sich auch in Skan­di­na­vi­en längst nicht mehr nur auf Tabak oder Alko­hol, son­dern schließt auch Fet­te und Zucker mit ein. Die Reak­ti­on dar­auf ist häu­fig: „Die haben ja recht, eigent­lich müss­te ich viel bes­ser auf mich ach­ten …“

Aller­dings tre­ten die Skan­di­na­vi­er kaum in den Dia­log mit Exper­ten, z. B. aus Indus­trie und Wis­sen­schaft, und somit blei­ben die Infor­ma­tio­nen und Mei­nungs­bil­dung sehr ein­sei­tig. Denn im Dia­log und dem Bereit­stel­len von Infor­ma­ti­on und Auf­klä­rungs­mög­lich­kei­ten lie­gen Chan­cen, die regu­lie­ren­de Maß­nah­men über­flüs­sig machen kön­nen. Statt­des­sen kön­nen sie das selbst­stän­di­ge Den­ken, die Mei­nungs­viel­falt und die per­sön­li­che Ent­schei­dungs­frei­heit des ein­zel­nen stär­ken.

Sicher­lich waren die Ent­wick­lun­gen in den ver­schie­de­nen skan­di­na­vi­schen Län­dern so abzu­se­hen. Das Tem­po, mit dem die The­men Fahrt auf­neh­men, ist aller­dings über­ra­schend. 2030 als Ziel für ein rauch­frei­es Finn­land ist extrem zeit­nah. Bleibt zu hof­fen, dass zuguns­ten des Zeit­fak­tors die sinn­vol­len Argu­men­te nicht aus den Augen ver­lo­ren wer­den, die z. B. eine Locke­rung der Zuläs­sig­keit von alter­na­ti­ven Pro­duk­ten wie Snus ermög­li­chen könn­ten.

So wür­de auch unse­re idyl­li­sche Vor­stel­lung von Skan­di­na­vi­en Wirk­lich­keit blei­ben.