13.11.2017 Sto­ries

Stehst du noch vor der Tür oder cor­nerst du schon?

Es gibt ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, die kom­men und ge­hen, die tun nie­man­dem weh und nach kur­zer Zeit sind sie wie­der ver­schwun­den, oh­ne nen­nens­wer­te Spu­ren zu hin­ter­las­sen. In Ham­burg je­doch wur­de un­längst ei­ne Sa­che zum Po­li­ti­kum er­klärt, die be­reits im New York der 80er-Jah­re ih­ren Lauf nahm und seit 2009 die Ham­bur­ger Ge­mü­ter mal mehr, mal we­ni­ger er­hitz­te: das Cor­nern.

Wann hört der Spaß auf?

Für al­le, die noch nie „ge­corn­er­t“ ha­ben oder sich nichts dar­un­ter vor­stel­len kön­nen: Cornern findet auf der Straße statt. Freun­de und Frem­de tref­fen sich an be­lieb­ten Stra­ßen­ecken auf ei­ne Zi­ga­ret­te und ein oder meh­re­re Bie­re vom Ki­osk. Pro­mi­nen­te Bei­spie­le in Ham­burg sind der Al­ma-War­ten­berg-Platz in Ot­ten­sen und der Neue Pfer­de­markt im Schan­zen­vier­tel. Als der Ki­osk „Ta­bak­bör­se“ in der Schan­ze 2009 für drei Jah­re auf­grund ei­ner Ge­bäu­de­sa­nie­rung in ei­nen Con­tai­ner ge­gen­über zie­hen muss­te, ent­stand hier ei­ne Ge­gen­kul­tur, die im Som­mer 2017 als „Cor­nern“ ih­ren Hö­he­punkt fand – so­wohl re­al als auch me­di­al und po­li­tisch.

Im­mer mehr Men­schen tra­fen sich bei Ein­bruch der Dun­kel­heit an der Ecke vor dem Ki­osk – sehr zum Leid­we­sen der um­lie­gen­den Bars und Re­stau­rants, de­ren Be­trei­ber sich über Um­satz­ein­bu­ßen be­kla­gen, weil die Leu­te den Ki­osk und des­sen preis­wer­te­re Ge­trän­ke der Bar oder dem Club vor­zie­hen. Vie­le An­woh­ner ha­ben sie auf ih­rer Sei­te, denn der Ge­räusch­pe­gel der fei­ern­den Men­ge ist mit­un­ter ent­spre­chend hoch. Wie soll man mit dem Phä­no­men am bes­ten um­ge­hen?

Von der Stra­ßen­ecke in die Bür­ger­schaft

Das The­ma ist in der Po­li­tik an­ge­kom­men. Schon In­nen­se­na­tor An­dy Gro­te (SPD) woll­te in sei­ner Zeit als Be­zirks­amts­lei­ter den Aus­schank von Al­ko­hol in Ki­os­ken zeit­lich ein­schrän­ken – sein Nach­fol­ger Fal­ko Droß­mann (SPD) hat­te da­mit bis­lang eben­falls kei­nen Er­folg im Rat­haus. „Wir müs­sen han­deln, be­vor der Scha­den ir­re­pa­ra­bel wir­d“, sag­te Droß­mann dem Hamburger Abendblatt.

Ganz an­ders sieht das Trend­for­scher Sven Gábor Jan­sz­ky. In ei­nem Interview mit der ZEIT ver­tritt er die Mei­nung, dass die Gas­tro­no­men die­se Ent­wick­lung hin­neh­men müs­sen. „Wir le­ben in ei­ner frei­en Wirt­schaft, in der es um die bes­ten An­ge­bo­te geht. Das ist der Lauf der Zeit, ei­ne Ge­sell­schaft muss sol­che Trends aus­hal­ten.

Muss sie das? Nach jah­re­lan­ger Dul­dung des Cor­nerns wer­den nun Ru­fe nach po­li­ti­scher Re­gu­lie­rung laut. Doch kann man das Cor­nern an sich über­haupt ver­bie­ten? Stadt­tei­le, ih­re Be­woh­ner und ih­re Ge­wohn­hei­ten ver­än­dern sich, Groß­er­eig­nis­se wie Schla­ger­mo­ve und Crui­se­days ver­än­dern die Stadt. Me­tro­po­len sind ei­nem ste­ti­gen Wan­del un­ter­zo­gen und es wird im­mer Be­für­wor­ter und Geg­ner von Ver­än­de­run­gen in der städ­ti­schen Kul­tur ge­ben. Das ist wohl der „Lauf der Zeit“, den Trend­for­scher Jan­sz­ky be­ob­ach­tet.

Ne­ben­bei ge­sagt: Wir se­hen ja, wo­hin das po­li­tisch re­gu­lier­te Rauch­ver­bot in der Gas­tro­no­mie ge­führt hat, denn wo wird mitt­ler­wei­le ge­raucht? Wo ver­sam­meln sich die Gäs­te vor dem Es­sen, zwi­schen den Gän­gen, nach dem Ab­sa­cker? Vor der Tür.

Ist das jetzt schon Cor­nern?