Minitopia der Selbstversorger: Gelebte Nachhaltigkeit mitten in Hamburg
08.09.2017 Stories

Mini­topia der Selbst­ver­sor­ger: Geleb­te Nach­hal­tig­keit mit­ten in Ham­burg

Mini­topia heißt Ham­burgs ers­ter „Spiel­platz urba­ner Selbst­ver­sor­gung“. Der nach­hal­ti­ge Umgang mit Res­sour­cen steht im Mit­tel­punkt. Hier­für gehen die Initia­to­ren ihren ganz eige­nen Weg.

Von IKEA mag man hal­ten, was man will – in Sachen Inno­va­ti­on und neu­er Wohn­an­sät­ze machen uns die Living-Exper­ten aus Schwe­den nichts vor. Space10, Ike­as „inno­va­ti­on hub“ in Kopen­ha­gen, hat sich mit Fra­gen nach einem nach­hal­ti­gen Lebens­stil in Groß­städ­ten aus­ein­an­der­ge­setzt und Anfang des Jah­res den „Gro­w­room“ vor­ge­stellt. Wie kön­nen wir den ste­tig stei­gen­den Bedarf an Lebens­mit­teln decken? Gibt es Alter­na­ti­ven zur glo­ba­len Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung? Die Bau- bzw. Schnitt­plä­ne für den „Gro­w­room“ sind öffent­lich zugäng­lich und frei ver­füg­bar. Das soll die Men­schen ermu­ti­gen, ihren eige­nen Selbst­ver­sor­ger-Gar­ten nach­zu­bau­en, um sich neue Mög­lich­kei­ten zu eröff­nen.

Erfreu­lich, dass es auch in Deutsch­land Initia­ti­ven gibt, die auf loka­ler Ebe­ne han­deln, um – zumin­dest im Klei­nen – den glo­ba­len Ent­wick­lun­gen etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Und das mit einem ganz posi­ti­ven Ansatz. „Wir wäl­zen hier kei­ne Pro­ble­me, wir arbei­ten aktiv an nach­hal­ti­gen Lösun­gen“, beschreibt Ste­fa­nie Engel­brecht das Enga­ge­ment, das hin­ter dem Pro­jekt Mini­topia steht: eine Platt­form für Selbst­ver­sor­ger mit­ten im Ham­bur­ger Stadt­teil Wil­helms­burg. Gemein­sam mit Kat­rin Schä­fer lei­tet Ste­fa­nie seit Anfang 2017 das Pro­jekt. Ihr Ziel: gemein­sam mit Expert*innen, Pionier*innen und Querdenker*innen aus­pro­bie­ren, „ob und wie wir uns mit den Res­sour­cen vor Ort, unse­ren eige­nen Hän­den und gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung auch in der Stadt selbst ver­sor­gen kön­nen – unab­hän­gig von Kon­to­stand und glo­ba­len Ver­stri­ckun­gen.“ Das Pro­jekt ist im ste­ti­gen Fluss, bis­her haben sich auf dem 1000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Gelän­de drei Bau­stei­ne erfolg­reich eta­bliert:

  • Selbst­ver­sor­ger-Bee­te
    Mit der Ent­wick­lung von mobi­len, lang­fris­tig weit­ge­hend aut­ar­ken Selbst­ver­sor­ger-Gär­ten nach den Prin­zi­pi­en der Per­ma­kul­tur fin­den die Stadt­gärt­ner her­aus, wie auf kleins­tem Raum, ohne künst­li­che Hilfs­mit­tel und mit mini­ma­lem Ener­gie­auf­wand maxi­ma­le Erträ­ge an Gemü­se, Obst, Kräu­tern etc. für den Eigen­be­darf zu erzie­len sind.
  • Do-it-yours­elf-Werk­statt
    All­tags­ge­gen­stän­de wie Möbel, Instru­men­te oder Spiel­zeug müs­sen nicht immer neu gekauft wer­den. Die Werk­statt bie­tet vie­le Mög­lich­kei­ten, Din­ge mit ein­fa­chen Mit­teln selbst her­zu­stel­len, krea­tiv zu recy­celn und ein­fa­che Repa­ra­tu­ren selbst durch­füh­ren, anstatt Kaput­tes sofort weg­zu­wer­fen.
  • Pro­jekt­kü­che
    Hier wird Wis­sen zu natür­li­cher Ernäh­rung geteilt: Bei gemein­sa­men Koch-Akti­vi­tä­ten arbei­ten die Selbst­ver­sor­ger mit tra­di­tio­nel­len Metho­den zur Ver­ar­bei­tung von Lebens­mit­teln. Unver­ständ­li­che Eti­ket­ten, che­mi­sche Zusät­ze und erschöpf­te Res­sour­cen gibt es hier nicht. Statt­des­sen ler­nen die Köche, wel­che Nähr- und Schad­stof­fe in Lebens­mit­teln ste­cken, wo und wie Lebens­mit­tel pro­du­ziert wer­den und nut­zen idea­ler­wei­se Erzeug­nis­se aus den eige­nen Mini­topia-Bee­ten.

Selbstversorgung im Kleinen

Es lie­gen so vie­le Res­sour­cen her­um, die wir nut­zen kön­nen, um Neu­es dar­aus zu schaf­fen“, sagt Ste­fa­nie, die eigent­lich alle Stevie nen­nen. „Wir müs­sen nicht stän­dig Din­ge kau­fen, vie­les lässt sich aus Altem sel­ber her­stel­len. Und das wol­len wir den Men­schen, die zu Mini­topia kom­men, ver­mit­teln. Selbst­ver­sor­gung ist bis zu einem bestimm­ten Grad mög­lich, auch in einer Groß­stadt. Wir möch­ten dabei hel­fen, sich von gesell­schaft­li­chen Ängs­ten frei­zu­ma­chen. Zei­gen, dass wir unab­hän­gig von Kon­sum­vor­stel­lun­gen leben kön­nen.“

Gro­ße The­men wer­den hier im Klei­nen prak­tisch ange­packt – Mini­topia bie­tet Men­schen Raum und Zeit, zusam­men­zu­kom­men und sich aus­zu­tau­schen. „Jeder kann hier sein, wie er möch­te und sich mit sei­nem Wis­sen ein­brin­gen. Und das ganz ohne den ‚mora­li­schen Zei­ge­fin­ger’“, wie Stevie sagt. Für die Mit­be­grün­de­rin von Mini­topia steht fest: Vie­le Men­schen suchen Alter­na­ti­ven, um ihre all­täg­li­chen Bedürf­nis­se in der Gemein­schaft zu stil­len, ohne dabei von ande­ren bewer­tet zu wer­den.

Bei Mini­topia steht laut Ste­fa­nie Engel­brecht der Wis­sens­trans­fer klar im Fokus: „Wir sehen uns als Bil­dungs­stät­te, nicht als ‚Hip­pie­stät­te’. Wir wol­len und kön­nen den Men­schen hier kei­nen Lebens­raum bie­ten. Aber ihnen hel­fen, unab­hän­gi­ger und frei­er zu wer­den, das kön­nen wir hier tun. Wir möch­ten allen Inter­es­sier­ten die Befä­hi­gung mit­ge­ben, sich mit hand­werk­li­chen Din­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen und ein Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein für Kon­sum zu ent­wi­ckeln.“ Jeder sei herz­lich ein­ge­la­den, vor­bei­zu­kom­men und sich den „Spiel­platz urba­ner Selbst­ver­sor­gung“ mit eige­nen Augen anzu­se­hen.

Reemtsma unterstützt Minitopia

Frei­heit, Selbst­be­stimmt­heit, Unab­hän­gig­keit – alles Mini­topia-Wer­te, mit denen auch die Reemts­ma Phi­lo­so­phie kon­form geht. In die­sem Jahr war Mini­topia eines der Reemts­ma Help Day 2017 Pro­jek­te. Reemts­ma Mit­ar­bei­ter Levent Bay­soy inter­es­sier­te sich seit der ers­ten Stun­de für das Selbst­ver­sor­ger-Pro­jekt. „Ich hel­fe den Initia­to­rin­nen vor allem beim Auf­bau einer trans­pa­ren­ten betriebs­wirt­schaft­li­chen Struk­tur und freue mich sehr, mein Wis­sen in die­sem Bereich in das Pro­jekt ein­flie­ßen las­sen zu kön­nen“, sagt Bay­soy.

35 Reemts­ma Mit­ar­bei­ter pack­ten am 18. August 2017 ordent­lich mit an auf dem Gelän­de in Wil­helms­burg. Es wur­de geschrei­nert, gepflanzt und gewer­kelt – beson­ders die gro­ßen, schwe­ren Maschi­nen hat­ten es den Kol­le­gen aus dem Ham­bur­ger Head­quar­ter ange­tan – am Ende ent­stan­den Grills aus Pro­pan­gas­fla­schen. Ein gelun­ge­ner Kon­trast zum Büro­all­tag. „Wer bei Mini­topia mit anpackt, nimmt durch das sozia­le Enga­ge­ment und die erlern­ten Din­ge vor Ort immer auch etwas mit ins Pri­vat- und Berufs­le­ben. Von den Erkennt­nis­sen pro­fi­tiert dann im Umkehr­schluss auch wie­der der Arbeit­ge­ber“, lobt Bay­soy die erfolg­rei­che Zusam­men­ar­beit zwi­schen Mini­topia und Reemts­ma.

Reemts­ma steht hin­ter dem Ansatz, dass es gera­de die Viel­falt an Men­schen und Mei­nun­gen ist, die unse­re Gesell­schaft so lebens­wert macht. Die freie Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen ist des­halb ein hohes gesell­schaft­li­ches Gut. Bei Mini­topia fin­det die Umset­zung die­ser Phi­lo­so­phie täg­lich im Klei­nen statt. Es bleibt span­nend, wohin die Rei­se gehen wird.