15.03.2018 Stories

Frü­her war alles „i“, mor­gen sind wir „e“

Was hat eine Rele­vanz von 17,4 Pro­zent in Deutsch­land? Nein, nicht die SPD, son­dern das „e“ ist gemeint. Ohne e geht nichts in Deutsch­land und des­halb ist das e im Deut­schen auch der meist­ver­wen­de­te Buch­sta­be. Eng­land, Frank­reich, Spa­ni­en – sie alle loo­sen ab, was das e betrifft. Man könn­te sagen, dass das e das Fun­da­ment der deut­schen Spra­che bil­det. Allein Reemts­ma braucht ja schon zwei auf ein­mal.

Auf Platz zwei kommt schon weit abge­schla­gen mit 9,78 Pro­zent Markt­an­teil das n. Anders sieht es dann schon wie­der auf der Hit­lis­te der Anfangs­buch­sta­ben in Deutsch­land aus. Da ist das n noch nanz nor­ne nauf Nlatz neins. Aber das e holt auf.

Wir erinnern uns.

Als MP3-Play­er noch lang­wei­li­ge Fest­plat­ten­re­kor­der waren, die mit Mini-Disk und stör­an­fäl­li­gen Fest­plat­ten bestückt wur­den, da war es das i, das eine gan­ze Gene­ra­ti­on hip mach­te: iPod. Dem folg­ten dann iTu­nes, iMac, iBook, iPho­ne, iPad, iOS, iFer­sucht – nee, das war was ande­res. Dafür gibt es für älte­re und geh­be­hin­der­te Men­schen inzwi­schen nicht nur einen Elek­tro-Roll­stuhl, son­dern gleich den iChair mc mid. Ich muss zuge­ben, „mc mid“ klingt jetzt nicht so hip wie „iChair“. Den gibt es übri­gens nicht von Apple, son­dern von Mey­ra. Es scheint so, dass Apple bei der Regis­trie­rung der Mar­ken­schutz­rech­te eine Kate­go­rie über­se­hen hat. Ande­re Her­stel­ler bie­ten zum Nach­rüs­ten einen e-fix an.

Heute ist „e“ nämlich ganz schick.

Wir spre­chen von der eMo­bi­li­tät – und mei­nen damit Autos, die stän­dig an die Steck­do­se müs­sen. Das macht die Autos der­zeit nicht unbe­dingt wirk­lich mobil, was die Reich­wei­te und den Lade­vor­gang betrifft, klingt aber schon mal mit dem e vor­ne­weg ganz zukunfts­wei­send. Das Fahr­rad wird gepimpt zum eBike, damit es berg­auf ein wenig leich­ter geht. Was frü­her ein ein­fa­cher Rol­ler war, wird nun zum eScoo­ter. Hand­werks­be­trie­be bie­ten einen e-Check an und der Seg­way setzt sich ver­mut­lich des­halb nicht in der pri­va­ten Anwen­dung durch, weil er nicht „eStehmo­bil“ heißt.

Dabei war die E-Mail schon cool, blieb aber lan­ge Zeit allei­ne mit ihrem E. Wenn man von E.ON mal absieht. Aller­dings war man in der Schu­le schon eine Spur coo­ler, wenn man bereits eine E-Gitar­re spie­len konn­te, woge­gen das E-Pia­no sein Image wegen des Kopf­hö­rer­an­schlus­ses zur Rück­sichts­maß­nah­me auf die Mit­be­woh­ner ent­wi­ckel­te.
Wenn wir Kino­kar­ten online bestel­len und zu Hau­se das eTi­cket ana­log aus­dru­cken, damit wir nicht bei lee­rem Han­dy­ak­ku mit unse­rem Pop­corn­ei­mer drau­ßen blei­ben müs­sen, zah­len wir wie selbst­ver­ständ­lich für den eSer­vice einen Euro mehr. Ein Euro dafür, dass dem­nächst noch weni­ger Per­so­nal dort Beschäf­ti­gung fin­det.
Die Fir­ma Engel prä­sen­tiert irgend­ein klo­bi­ges grü­nes Mons­ter zur Her­stel­lung von Prä­zi­si­ons­tei­len als e-duo. Das macht es schon etwas ele­gant und wirkt schlan­ker. Die Fra­ge ist nur, ob die Vor­gän­ger­mo­del­le viel­leicht mit Die­sel oder Dampf betrie­ben wur­den? Egal. Par­don: eGal.

Wenn Firmen sich umbenennen – das e muss bleiben.

So wur­de aus e-Agrar inzwi­schen e-wet­ter. Wir zah­len mit ePay oder eTax und kau­fen mun­ter bei ebay. Jagu­ar nutzt sei­nen – wun­der­schö­nen – Namen lei­der nicht für die strom­be­trie­be­ne Vari­an­te . Da heißt er E-Pace. Scha­de eigent­lich. Por­sche traut sich da schon mehr: Por­sche E-Per­for­mance, Mis­si­on E oder Mis­si­on E Cross Turis­mo. DAS hat Klang. Die E-Klas­se von Mer­ce­des ist dage­gen nicht so cool, son­dern ein trau­ri­ger Dienst­wa­gen-Com­pli­an­ce-Kom­pro­miss, der nur mit Voll­aus­stat­tung wie­der zu kom­pen­sie­ren ist, wes­halb E-Klas­se-Fah­rer auch ger­ne dar­auf ver­wei­sen: „Ist nur ne E-Klas­se – aber mit Voll­aus­stat­tung.“ „Voll­aus­stat­tung“ ist übri­gens ein Wort ohne e.
Renault ist so freund­lich und ver­zich­tet für das eMo­bil „Twi­zy“ ganz auf das e. Das geschieht ver­mut­lich mit Rück­sicht auf die „Esthe­tik“ des e, denn der Twi­zy ist rein optisch nur etwas für abso­lut schmerz­be­frei­te Anwen­der.

Die Bun­des­agen­tur für Arbeit, eigent­lich eine Behör­de, die schon nach Staub­lun­ge klingt, bie­tet – ganz modern und frisch – eSer­vices an und auch eSer­vices Geld­leis­tun­gen. In Ber­lin wur­de das För­der­pro­jekt „E-Bus“ bereits vor eini­gen Jah­ren abge­schlos­sen. Immer­hin. Der Flug­ha­fen dau­ert ja noch etwas.
Dann haben wir da noch das eBook, was auf dem Vor­marsch ist, und dann wie­der­um auch die gan­zen eBook-Reader, und so man­che Büche­rei hat bereits eAu­dio, eMu­sik (da ist das i dann defi­ni­tiv auf die hin­te­ren Plät­ze ver­wie­sen) und sogar eVi­deo im Sor­ti­ment. Kein Wun­der, denn auf den die­sel­be­trie­be­nen Büche­rei­bus aus guten alten Zei­ten kön­nen wir in den Vor­or­ten der Städ­te lan­ge war­ten.

Das „elek­tro­ni­sche Klas­sen­zim­mer“ kommt inzwi­schen zu uns nach Hau­se oder ins Büro: Zahl­rei­che eLe­arning-Ange­bo­te las­sen auch Stan­dard­stoff leich­ter und moder­ner wir­ken. Für die All­ge­mein­bil­dung rei­chen dann die ePa­per-Aus­ga­ben der Tages­zei­tun­gen. Der Sen­der n-tv titelt „Scha­eff­ler steu­ert in die E-Wen­de“ – wow! Das macht die Pro­ble­me von Scha­eff­ler fast ver­ges­sen. Die Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin bie­tet E-Exami­na­ti­ons an. Voll gut: „kei­ne unle­ser­li­chen Hand­schrif­ten“ und „ganz­heit­li­ches E-Learning“. Wört­lich genom­men, folg­lich ein E-Learning, das alle Aspek­te berück­sich­tigt und grö­ße­re Zusam­men­hän­ge erken­nen lässt.
Eine vol­le Ent­täu­schung – zumin­dest was den (intel­lek­tu­el­len) Antrieb betrifft – ist auf dem Cam­pus Saar­brü­cken das „Stu­den­ten­wohn­heim E“. Da gibt es 20 qm Wohn­flä­che, aber nicht auf Solar­ba­sis, son­dern im Wohn­block E. Scha­de. Ein „eStu­den­ten­wohn­heim“ wäre sicher zukunfts­wei­send.

Apro­pos, wo wir gera­de ein wenig unse­re Ziel­grup­pe strei­fen: Zukunfts­wei­send sind dage­gen die eZigaretten. Wir haben jetzt auch eine.
„myBlu“. Ohne e. Aber ziem­lich cool.

Ihre
Dore­en Neu­en­dorf