17.05.2018 Facts

E-Ziga­ret­te: Poli­ti­sche Debat­te durch wenig Wis­sen bestimmt

Sinn­vol­le Alter­na­ti­ve zum Tabak­kon­sum, Aus­stiegs­hil­fe oder nichts von bei­dem? Im Bun­des­tag wird über die E-Ziga­ret­te seit Jah­ren kon­tro­vers dis­ku­tiert. Obwohl inzwi­schen mehr als 9.000 Unter­su­chun­gen zur E-Ziga­ret­te vor­lie­gen, herrscht bei vie­len Poli­ti­kern noch immer Unkennt­nis über die wissen­schaftliche Fak­ten­la­ge zur E-Ziga­ret­te. Das Resul­tat: Für die E-Ziga­ret­ten gel­ten trotz erwie­se­ner gerin­ge­rer Schäd­lich­keit die glei­chen gesetz­li­chen Regu­la­ri­en wie für Ziga­ret­ten.

 

In ihrem Dro­gen- und Sucht­be­richt vom Juli 2017 hat­te sich die Bun­des­re­gie­rung eigent­lich ein­deu­tig posi­tio­niert: „E-Ziga­ret­ten sind im Ver­gleich zu Tabak­zi­ga­ret­ten deut­lich weni­ger schäd­lich, aber sie sind auch kei­ne harm­lo­sen Life­sty­le­pro­duk­te.“ Damit greift die Bun­des­re­gie­rung einen Fakt auf, den die bri­ti­sche Regie­rungs­agentur Public Health Eng­land bereits 2015 mel­de­te und kürz­lich wie folgt erneut bestä­tig­te:

Die E-Zigarette ist zu 95 % weniger schädlich als das Rauchen.“*

Der FDP-Gesund­heits­po­li­ti­ker Dr. Wie­land Schin­nen­burg, dro­gen­po­li­ti­scher Spre­cher sei­ner Frak­ti­on im Bun­des­tag, hält die E-Ziga­ret­te vor die­sem Hin­ter­grund für weni­ger pro­ble­ma­tisch als die Tabak­zi­ga­ret­te. „Nach allem, was ich vor­her gele­sen habe, ist es so, dass Elek­tro-Ziga­ret­ten auch Scha­den anrich­ten, aber deut­lich weni­ger als klas­si­sche Ziga­ret­ten. Und da gibt es aus mei­ner Sicht kei­nen Grund, gegen die vor­zu­ge­hen“, so Schin­nen­burg bei einer Ver­an­stal­tung Mit­te April in Ber­lin.

Noch deut­li­cher äußer­te sich der SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Mar­cus Held im Gespräch mit dem Bünd­nis für Tabak­frei­en Genuss: „Ich ken­ne ganz vie­le Men­schen aus mei­nem Wahl­kreis und dar­über hin­aus, die durch die E-Ziga­ret­te von der her­kömm­li­chen Ziga­ret­te weg­ge­kom­men sind. Das war eine Rie­sen­hil­fe. Ich habe gera­de vor­hin vor dem Reichs­tag wie­der einen Poli­zis­ten getrof­fen, der über 20 Jah­re geraucht hat und jetzt die E-Ziga­ret­te hat, und da muss es auch wei­ter­hin in Zukunft mög­lich sein, mit gewis­sen Zusatz­stof­fen zu arbei­ten, damit man ein­fach vom Tabak weg­kommt.“

E-Zigaretten im deutschen Tabakerzeugnisgesetz wie herkömmliche Zigaretten reguliert

Schon heu­te hal­ten vie­le Exper­ten aus der Wis­sen­schaft die gel­ten­de Geset­zes­la­ge – die zwi­schen Pro­duk­ten mit und ohne Tabak nicht unter­schei­det – für anti­quiert. Pro­fes­sor Hei­no Stö­ver vom Insti­tut für Sucht­for­schung der Fach­hoch­schu­le Frank­furt am Main plä­diert daher für eine Dif­fe­ren­zie­rung, um die E-Ziga­ret­te als weni­ger schäd­li­che Alter­na­ti­ve für Rau­cher attrak­tiv zu machen. So müss­ten sowohl die Besteue­rung als auch die Wer­be-Restrik­tio­nen über­dacht wer­den.

Ers­te Stim­men in die­se Rich­tung gibt es im Par­la­ment in Groß­bri­tan­ni­en. Ste­phen Met­cal­fe, Abge­ord­ne­ter des bri­ti­schen Unter­hau­ses, hält Wer­bung für E-Ziga­ret­ten auf den Schach­teln für Tabak­zi­ga­ret­ten für eine gute Idee – bis­her ist dies nicht mög­lich.

Deutsche Politiker tun sich mit differenzierter Regulierung noch schwer

Die dro­gen­po­li­ti­sche Spre­che­rin von Bünd­nis 90 / Die Grü­nen, Dr. Kirs­ten Kap­pert-Gonther, ist zwar für die Frei­ga­be von Can­na­bis, aber gegen E-Ziga­ret­ten: „Auch E-Ziga­ret­ten ent­hal­ten Niko­tin, ein star­kes Sucht­mit­tel. Auch E-Ziga­ret­ten ver­lei­ten Jugend­li­che zum Rau­chen. Eine unab­hän­gi­ge dif­fe­ren­zier­te Gefähr­dungs­ein­schät­zung im Ver­gleich zu her­kömm­li­chen Ziga­ret­ten liegt noch nicht vor. Ob sie als Hilfs­mit­tel zur Rauch­ent­wöh­nung für erwach­se­ne Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten genutzt wer­den kann, ist umstrit­ten.“

Genau das aber hat­te Public Health Eng­land expli­zit emp­foh­len und wur­de eben­so von Prof. Dr. Bern­hard-Micha­el May­er im Febru­ar 2016 bestä­tigt. Auf Exper­ten­la­dung im Aus­schuss für Ernäh­rung und Land­wirt­schaft stell­te May­er fest: „E-Ziga­ret­ten haben ein his­to­risch ein­zig­ar­ti­ges Poten­zi­al zur Tabak­prä­ven­ti­on. Erst­mals steht Rau­chern eine funk­tio­nie­ren­de Alter­na­ti­ve für den Aus­stieg aus dem Tabak­kon­sum zur Ver­fü­gung.“ Der Pro­fes­sor emp­fiehlt daher: „Um die­ses Poten­zi­al aus­zu­schöp­fen, soll­te der Gesetz­ge­ber Maß­nah­men ergrei­fen, um die Moti­va­ti­on von Rau­chern zum Umstieg zu erhö­hen und die Ent­wick­lung und Ver­brei­tung attrak­ti­ver E-Ziga­ret­ten zu för­dern.“

Die Grü­nen-Poli­ti­ke­rin Kap­pert-Gonther will dage­gen die Wer­bung für E-Ziga­ret­ten wie die für Ziga­ret­ten ganz von Pla­kat­wän­den ver­ban­nen: „Eine wirk­sa­me Prä­ven­ti­ons­maß­nah­me, für die ich mich ein­set­ze, ist das Ver­bot der Außen­wer­bung für Tabak­pro­duk­te, das in allen ande­ren EU-Län­dern bereits besteht. Für den Gesund­heits­schutz ist es am bes­ten, mit dem Rau­chen gar nicht erst anzu­fan­gen.“

Fazit:

Noch sind nicht alle Fakten über die Vor­tei­le der E-Ziga­ret­te gegen­über klas­si­schen Tabak­pro­duk­ten bekannt und es besteht noch Bedarf an Auf­klä­rung– daher wer­den Pro­duk­te mit und ohne Tabak in Deutsch­land in Sachen Wer­bung immer noch iden­tisch regu­liert. Doch die Zahl der Ent­schei­der, die E-Ziga­ret­ten als eine weni­ger schäd­li­che Alter­na­ti­ve für erwach­se­ne Rau­cher sehen, wächst bei den staat­li­chen Stel­len. Der Grund dafür ist eine brei­te, unab­hän­gi­ge Stu­di­en­la­ge.

*Quelle: “Ecigarettes report: a new foundation for evidence-based policy and practice” (Public Health England, 2015)