09.03.2018 Stories

Die Ziga­ret­te hat mei­nen Tag struk­tu­riert.“ – Und jetzt? Rou­ti­ne rel­oa­ded.

Die Ziga­ret­te hat mei­nen Tag struk­tu­riert“, sagt Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Hei­no Stö­ver im Inter­view mit der Zeit­schrift VAP (Aus­ga­be 01/2017). „Ich habe in bestimm­ten Situa­tio­nen geraucht. Und mit dem Rau­chen auf­zu­hö­ren, bedeu­tet auch, den Tag neu zu struk­tu­rie­ren.“ Das Rau­chen einer Ziga­ret­te steht häu­fig im Zusam­men­hang mit einer ande­ren gera­de aus­ge­üb­ten Tätig­keit. Man raucht: beim War­ten auf den Bus, in der Pau­se wäh­rend der Arbeits­zeit, beim Schrei­ben eines Tex­tes, zusam­men mit einem Kaf­fee oder „die Ziga­ret­te danach“.

Ent­schei­det sich der Rau­cher also gegen sei­ne bis­lang den Tages­ab­lauf struk­tu­rie­ren­de Ziga­ret­te und damit gegen sei­ne all­täg­li­che Gewohn­heit, so wird er mit einer neu­en Situa­ti­on kon­fron­tiert. Und an die­ser Stel­le wird es oft schwie­rig. Das betrifft übri­gens nicht nur die Ziga­ret­te, mit jeder ande­ren Gewohn­heit ver­hält es sich eben­so. Doch war­um ist das so – braucht der Mensch der­art viel Struk­tur?

Verzicht auf Verzicht? Pro und contra Selbstoptimierung

Der Ver­zicht auf das Glas Wein bei Freun­den, die Ziga­ret­te beim Schrei­ben oder das Smart­pho­ne abends im Bett fällt des­halb so schwer, weil man viel mehr damit ver­bin­det: Gemüt­lich­keit, krea­ti­ve Kon­zen­tra­ti­on oder Ent­span­nung im hek­ti­schen All­tag. Der Mensch, das Gewohn­heits­tier. Wie stark der Mensch Hand­lun­gen mit Situa­tio­nen ver­knüpft, zei­gen Stu­di­en der Psy­cho­lo­gin Wen­dy Wood von der Uni­ver­si­ty of Sou­thern Cali­for­nia. Sie kommt zu dem Schluss, dass man eine Gewohn­heit am bes­ten dann ändern kann, wenn man den Kon­text ändert. Abends nicht mehr vor dem Fern­se­her auf dem Sofa ein­schla­fen? Dafür gibt es ein­fa­che Lösun­gen: Fern­se­her weg oder run­ter vom Sofa. Doch das Bedürf­nis nach Ver­än­de­rung soll­te immer kri­tisch hin­ter­fragt wer­den: Was ist der wah­re Grund, der dahin­ter­steht? Geht es dar­um, sich bes­ser zu füh­len, sich selbst zu opti­mie­ren oder viel­leicht nur um die Zuge­hö­rig­keit zu einem Trend, weil gera­de alle auf alles ver­zich­ten, zum Bei­spiel auf Zucker, Koh­len­hy­dra­te oder lan­ges Schla­fen? Manch­mal, so scheint es, beginnt die Selb­st­op­ti­mie­rung, weil sie uns über Maga­zi­ne vor­ge­lebt und damit erstre­bens­wert wird.

Gesellschaftliches Ansehen: Prominente machen es vor

Noch so ein Bei­spiel für Rou­ti­ne: der Extrem-Früh­auf­ste­her. Tim Cook tut es, Michel­le Oba­ma eben­falls und auch Jack Dor­sey ist einer von ihnen. Einer von den Men­schen, die ihren Tag mit einer strik­ten Mor­gen­rou­ti­ne begin­nen. Jeden Tag. Apple CEO Cook ist ab 3:45 Uhr auf den Bei­nen, bear­bei­tet ers­te Mails und geht ins Fit­ness­stu­dio. Work-out steht auch bei der ehe­ma­li­gen First Lady Oba­ma auf dem Pro­gramm, aller­dings steht sie „erst“ um 4:30 Uhr auf. Wenn der Wecker von Twit­ter-Chef Dor­sey um halb sechs klin­gelt, geht er nach der Medi­ta­ti­on noch neun Kilo­me­ter jog­gen. Fes­te Ritua­le wie frisch gebrüh­ter Kaf­fee am Mor­gen, der Spa­zier­gang am Mit­tag oder die Tages­schau um 20 Uhr ver­lei­hen dem Leben eben einen ver­läss­li­chen Rhyth­mus.

Struktur als Verbündete gegen Stress

Neben kör­per­li­chen Grund­be­dürf­nis­sen wie Schla­fen, Trin­ken oder Essen – die dem Tag allein des­halb Struk­tur geben, weil sie uner­läss­lich für das Über­le­ben sind – gestal­tet der Mensch mit selbst­ge­wähl­ten Rou­ti­nen sei­nen All­tag. Die­se sind oft an Tages­zei­ten gebun­den. Vor acht Uhr auf­zu­ste­hen und den Mor­gen struk­tu­riert zu gestal­ten, soll unser Leben ver­än­dern, meint Hal Elrod, Autor des Best­sel­lers „The Mira­cle Morning – The 6 Habits That Will Trans­form Your Life Befo­re 8AM“. Die mor­gend­lich ablau­fen­den Rou­ti­nen sol­len den Vor­teil haben, dass man nicht über sein Han­deln nach­den­ken muss – was einem unnö­tig Ener­gie rau­ben wür­de.

Gewohn­hei­ten lot­sen uns durch den Tag. Sie glie­dern die 24 Stun­den in greif­ba­re Ein­hei­ten und sind „gute Ver­bün­de­te gegen Stress“, weiß Stress­ex­per­te Sepp Por­ta. „Alles, was ver­traut ist, gibt dem Men­schen Sicher­heit und Sta­bi­li­tät – ein guter Aus­gleich zur all­täg­li­chen Hek­tik.“ Da kaum ein Tag dem ande­ren gleicht, brau­chen wir erwart­ba­re Inseln, die uns in der Umge­bung von uner­war­te­ten Situa­tio­nen Halt geben. Die Tages­struk­tur ist etwas Per­sön­li­ches und Selbst­ge­wähl­tes. Die Moti­va­ti­ons­for­schung geht davon aus, dass der Mensch frei­wil­lig die­je­ni­gen Din­ge regel­mä­ßig tut, die er mit posi­ti­ven Gefüh­len ver­bin­det. Wer den Mor­gen mit Jog­gen begin­nen will, dabei aber stän­dig Knie­schmer­zen hat, wird nicht lan­ge durch­hal­ten und in alte Ver­hal­tens­mus­ter zurück­fal­len.

Jeder Mensch ent­wi­ckelt im Lau­fe sei­nes Lebens ganz eige­ne Struk­tu­ren, die ihn durch den Tag lei­ten – und hat die Gestal­tung dabei selbst in der Hand. Um 3:45 Uhr auf­ste­hen wie Tim Cook? Kann man machen – muss man aber nicht. Ent­schei­dend ist das gute Gefühl, das die Gewohn­heit aus­löst.