18.12.2017 Stories

Gän­se-Döner to go. Wie ent­steht Kon­sum­ver­hal­ten?

Auf dem Weih­nachts­markt gab es neu­lich „Gän­se­fleisch-Döner.“ Das hat­te mit Döner nicht viel zu tun, war aber Con­ve­ni­en­ce Food par excel­lence: Vor allem die prak­ti­sche Teig­ta­sche mach­te die weih­nacht­li­che Gans zum trans­por­ta­blen Genuss. Frü­her saßen wir an Omas Küchen­tisch bei Rot­kohl und Klö­ßen – heu­te schlen­dern wir zwi­schen Lich­ter­ket­ten hin­durch. Kon­sum­ver­hal­ten rel­oa­ded.

Wir essen, wie wir kommunizieren: mobil und in kleinen Einheiten

Hier eine Whats­App, hier ein Cof­fee to go. Ein Pos­ting bei Face­book, ein Snack vom Food Truck. Was auf der einen Sei­te das Smart­pho­ne, ist auf der ande­ren Sei­te Smar­tea­ting.

Die Erhe­bun­gen von Con­su­mers’ Choice bestä­ti­gen uns, was wir ins­ge­heim schon längst wis­sen und leben: Die Zahl der klas­si­schen Zuhau­se-kochen-und-essen-Ver­brau­cher ist gesun­ken. Der­zeit um 6 Pro­zent – man erwar­tet, dass dies noch zunimmt. Grün­der­wett­be­wer­be sind vol­ler Start-ups, die sich mit spe­zia­li­sier­tem Street Food selbst­stän­dig machen, tra­di­tio­nel­le Fast­food-Ket­ten ver­lie­ren mit ihren stan­dar­di­sier­ten Mas­sen­pro­duk­ten an Kund­schaft. Und wer sich vor der eige­nen Idee und dem Allein­gang noch etwas fürch­tet, dem hel­fen Fran­chise-Geber wei­ter. Vom Kaf­fee-Bike mit Stand­ort auf dem Floh­markt bis zum Wrap Truck vor den Fir­men­zen­tra­len.

Mar­ken wie Fritz Kola bei­spiels­wei­se gin­gen zunächst aus sol­chen Ide­en her­vor. Cola ja – aber nicht immer von den bei­den gro­ßen Welt­kon­zer­nen – so das ein­fa­che, aber erfolg­rei­che Prin­zip. Da wur­de, genau wie bei Bio­na­de, der Segen schnell zum Fluch: Wenn das Wachs­tum kommt und eine gewis­se Grö­ße über­schrei­tet, suchen auch die­se Mar­ken wie­der Anschluss an kon­ven­tio­nel­le Ver­triebs­we­ge und ver­lie­ren Ver­brau­cher, die nach Inde­pen­dent-Labeln lech­zen um sich von der Mas­se kuli­na­ri­scher Indus­trie­wa­re abzu­he­ben.

Ist ein Coffee to go wirklich der Hektik unseres Alltags geschuldet?

Weil zu Hau­se dafür kei­ne Zeit mehr bleibt? Oder ist es nicht eher eine klei­ne Genuss-Insel auf dem Fuß­weg zur Arbeit oder ein kuli­na­ri­scher Zeit­ver­treib im Stau?

Die Mobi­li­tät der Gesell­schaft nimmt zu und dank ent­spre­chen­der Ver­triebs- und Mar­ke­ting­struk­tu­ren ist Street Food meist erschwing­lich. Eine sät­ti­gen­de Asia-Nudel­box mit Hüh­ner­fleisch für 4 Euro mag dann kaum noch jemand zu Hau­se aus 8 bis 12 ein­zel­nen Zuta­ten selbst kochen. Und bei Sin­gle-Haus­hal­ten blei­ben zu vie­le Lebens­mit­tel für die Res­te­ton­ne übrig – oder man muss eini­ge Tage hin­ter­ein­an­der das­sel­be essen oder ein­frie­ren. Vor der Fir­ma steht mitt­wochs der Asia-Truck und am Don­ners­tag der TexMex-Stand. Essen wir dann noch mobil, oder wird das Essen nicht von selbst mobil, wenn es zu uns kommt?

Und wer den­noch zu Hau­se kocht, kann das Street-Food-Kon­zept mit in die eige­nen vier Wän­de neh­men: mit fer­ti­gen Koch­bo­xen, die das Con­ve­ni­en­ce Food nun wirk­lich kom­for­ta­bel wer­den las­sen und zur Not auch per Abo übers Inter­net bestellt wer­den. Vege­ta­risch, vegan, hal­al oder koscher – jede Nische wird von der Indus­trie bedient. Schaut man in zahl­rei­chen Restau­rants ein­mal in die Küche, sieht es dort auch nicht viel anders aus: Vor­ge­gar­tes Fleisch vom Groß­han­del, geschäl­te Kar­tof­feln in vaku­um­ver­pack­ten Kunst­stoff­beu­teln – auch hier ist Con­ve­ni­en­ce auf dem Vor­marsch. Wer sich nicht vor kuli­na­ri­schen Des­il­lu­sio­nen fürch­tet, der soll­te ein­mal in Köln die Anu­ga besu­chen; die welt­weit größ­te Fach­mes­se für Ernäh­rung.

Pom­mes, Döner, Gyros, Bur­ger und Cur­ry­wurst – die tra­di­tio­nel­len mobi­len Gerich­te in Deutsch­land – haben gewis­ser­ma­ßen den Boden berei­tet für eine neue Gene­ra­ti­on mobi­ler Kost: Frisch vor unse­ren Augen zube­rei­tet, abwechs­lungs­reich und welt­of­fen. In Groß­städ­ten kommt man als mobi­ler Esser leicht über alle fünf Kon­ti­nen­te in einer Mit­tags­pau­se. Und auch die Dis­kus­si­on unter Kol­le­gen, wel­che kuli­na­ri­sche Rich­tung man in der Mit­tags­pau­se ein­schla­gen möch­te, ist schnell geschlich­tet: Zwi­schen fri­schen Bur­gern und vega­ner Kost lie­gen oft nur weni­ge Meter.

Im Zwei­fel hel­fen Street-Food-Fes­ti­vals bei der Ori­en­tie­rung wei­ter, wenn die mobi­len Gar­kü­chen ihre Wagen­bur­gen auf­bau­en und Kon­su­men­ten kuli­na­risch umher­schlen­dern. Nicht zu ver­ach­ten ist dabei auch das Preis-/Leis­tungs­ver­hält­nis. Da kos­tet der weih­nacht­li­che Gän­se­fleisch-Döner zwar mit 7 Euro deut­lich mehr als der klas­si­sche Döner vom Tür­ken – aber zur 25-Euro-Restau­rant-Alter­na­ti­ve ist er eine ech­te Opti­on.

Während auf der Straße die Vielfalt ein Segen ist, findet im Supermarktregal dagegen der klassische Verdrängungswettbewerb statt

Um die Gunst der Ver­brau­cher rin­gen rund 170.000 unter­schied­li­chen Pro­duk­te – allei­ne bei der Ernäh­rung. Was sich nicht durch­setzt, fliegt!

Mobi­les Essen, sta­tio­nä­res Kochen zu Hau­se: Es bleibt den­noch stets die freie Wahl der Ver­brau­cher, die auch ger­ne zwi­schen bei­den Sys­te­men swit­chen. Denn das gemein­sa­me Koch­er­leb­nis mit Freun­den, wo unter­schied­li­che „Teams“ für Vor-, Haupt- und Nach­spei­se zustän­dig sind, wird auch das Street Food nicht ver­drän­gen kön­nen.

Wichtig ist, dass der Staat sich dabei raushält und nicht in die Töpfe spuckt

Ver­brau­cher müs­sen selbst ent­schei­den kön­nen, wie und was sie wann essen möch­ten. Dabei gehö­ren Infor­ma­tio­nen ver­ant­wor­tungs­voll ver­mit­telt. Eine Dampf­nu­del auf dem Wochen­markt darf nicht als toxisch gebrand­markt wer­den, indem man ihr eine Fett- und Zucker­steu­er auf­brummt. Sie hat ihre Berech­ti­gung in einer abwechs­lungs­rei­chen und frei­en Ernäh­rung. Blut­hoch­druck und Dia­be­tes, die bei­den Volks­krank­hei­ten einer Wohl­stands­ge­sell­schaft, müs­sen durch trans­pa­ren­te Infor­ma­tio­nen und ver­ant­wor­tungs­vol­le Ess­ge­wohn­hei­ten bekämpft wer­den. Nicht mit staat­li­cher Bevor­mun­dung. Fisch, so sagt man, macht schlau, weil er Ome­ga-3-Fett­säu­ren ent­hält. Dann soll­te der Staat uns nicht ver­dum­men, indem er die Welt in drei Far­ben ein­teilt: Rot, Gelb, Grün.

Der deut­sche Phi­lo­soph Lud­wig Feu­er­bach (1804–1872), des­sen bei­läu­fig geschaf­fe­nes Wort­spiel „Du bist, was du isst“, inzwi­schen reli­giö­se Aus­wüch­se ange­nom­men hat, ist längst wider­legt: Du bist, WIE du isst: mobil.

Wer­den wir also im Kopf bit­te nicht immo­bil.